In den folgenden Abschnitten werden die Debatten und Ergebnisse zu folgenden vier Punkten der wissenschaftlichen Entstehungsgeschichte der Ebstorfer Weltkarte zusammengefaßt:
- WO die Karte von
- WEM und
- WANNgemalt wurde und
- WELCHEM ZWECK sie diente.
Wo ... ist die Karte entstanden? |
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Nach einstimmiger Überzeugung der Forschung ist die Karte
im Gebiet des heutigen Niedersachsenentstanden. Dafür sprechen zum einen die nordeutschen Endungen der Ortsnamen (Luneborch, Hermannsborch...) zum anderen die bemerkenswert ausgeprägte Detailkenntnis der Region. Deutlich wird dies, wenn man die auf der Ebstorfer Weltkarte eingezeichneten Orte und Flüsse (siehe Kartenausschnitt rechts) maßstabsgetreu anordnen würde, wie es der Historiker Armin Wolf in seiner "modernen Übersetzung" von Nordeutschland gemacht hat (siehe untenstehende Abbildung). Er gelangte zu dem Ergebnis , daß "sich in der starken Häufung der Orte zwischen Weser und Elbe (zeigt),
welche besondere Bedeutung dieses Gebiet für die Karte hat" (Armin Wolf 1988, S. 82).
Bedenkt man, daß aus dem Gebiet zwischen der Weser und dem Rhein kein Fluß verzeichnet ist und in anderen Regionen auf der Ebstorfer Karte erst recht bedeutende Orientierungspunkt fehlen (in England ist nicht einmal die Themse eingezeichnet), wirkt die Aufnahme norddeutscher Flüsse wie der Aller, Bode, Ilmenau, Innerste, Leine und Oker in die Karte umso bemerkenswerter. Über das Herkunftsgebiet "Nordeutschland" gibt es also keinen Zweifel.
Weit weniger einig sind sich die Wissenschaftler darüber, wo genau "in Norddeutschland" die Karte entstanden ist. Als mögliche Orte wurden in der Forschung bisher Ebstorf, Lüneburg, Braunschweig und Hildesheim erörtert. Das von Richard Drögenreit als möglicher Entstehungsort aufgrund seiner Position als Bischofssitz in die Debatte eingebrachte Hildesheim (Richard Drögenreit: 1962, S. 23), das sowohl den nötigen Kenntnisstand von der Welt wie auch die Finanzmitteln für das Zeichnen einer derartigen Karte gehabt hätte, ist jedoch nicht haltbar. Denn der Bischofssitz Hildesheim erscheint angesichts der erschlagenden Dichte (und symbolischer Größe) welfischer Besitzungen in keinem vorteilhaften Licht und ist in seiner Signatur sogar noch kleiner gezeichnet als das - welfische - Goslar.
Denkbar ist daher eher eine Kartenwerkstatt von welfischem Format wie Lüneburg oder Braunschweig. Beide sind in der Karte mit einer großzügigen Signatur vermerkt, jedoch finden sich u.a. durch Walter Rosien und Horst Appuhn mehr Vertreter für Lüneburg, wo "möglicherweise ein Mönch aus dem Michaeliskloster" (Egon Klemp 1986, S. 183) die künstlerische Gestaltung übernahm.
Vertreter der "Fundort = Entstehungsort"-Theorie, wie Armin Wolf argumentieren damit, daß die Karte wegen ihres Wertes und ihrer Empfindlichkeit nicht an andere Klöster verliehen wurde, und daß die Tatsache, daß sie in einer Kammer mit Requisiten aus der vorreformatorischen Zeit gefunden wurde, dafür steht, daß die Karte tatsächlich nie ihr "Geburtshaus" verlassen hat.
Die detaillierte Berücksichtigung der Umgebung des Klosters läßt annehmen, daß der oder die Kartenmaler die Region sehr gut kannte(n) und ihr sehr viel Bedeutung beimaßen. Desweiteren ist Ebstorf als eines der wenigen Klöster priveligiert, in der Karte Erwähnung zu finden, ebenso wie die Stätte seines Patrones in der Schweiz, des Hl. Mauritius. Andere Schutzheilige, auch die Lüneburgs (!), fehlen.
Problematisch wird es dann, wenn sich beweisen läßt, daß Ebstorf erst nachträglich in die Karte eingezeichnet worden ist. Zur Zeit finden sich bei den Ergebnissen der Paläographen sowohl Stimmen für eine "fremde" und spätere Feder als auch Stimmen, die den Vermerk Ebstorf der übrigen Karte zeitlich gleichsetzen.
von WEM gemalt... |
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Die Suche nach den Malern der Karte, fragt neben den an ihr arbeitenden Handwerkern vor allem nach den geistigen Quellen der Ebstorfer Karte. Die Antwort ist ähnlich umstritten wie die Datierung der Karte. Da weder der Stempel der Werkstatt, noch eine Jahresangabe oder eine Autorensignatur nachweisbar sind (dies wird erst im 14. Jahrhundert üblich), müssen sich die Wissenschaftler auf die Deutung der Abbildungen selbst sowie die Einordnung von Stil und Technik konzentrieren. Hier gehen die Ergebnisse zum Teil weit auseinander.
Aufgrund der inhaltlichen Übereinstimmungen (Papsttreue, Kreuzzugsidee, Parallelität von Formulierungen und Bildern) zu dem genau datierbaren Buch Otia imperialia, das Gervasius von Tilbury 1214/15 für den Welfen Kaiser Otto IV. von Braunschweig schrieb und ihm schenkte, ordnen viele Historiker auch die Ebstorfer Weltkarte dem Gervasius von Tilbury zu (von den Brincken: 1992, S. 91). Tatsächlich ist in Ebstorf ein Propst Gervasius verzeichnet. Der Geograph Richard Uhden brachte den Ebstorfer Gervasius in den 1930er Jahren erstmalig mit dem Autor besagter Otia Imperialia in Zusammenhang.
Kritiker dieser Theorie führen die weite Verbreitung des Namens an und die Tatsache, daß die Lebensdaten des Gervasius von Tilbury nicht gesichert sind (Armin Wolf schätzt, daß Gervasius um 1165 geboren ist) und daher eine eindeutige Identifikation unmöglich ist. Dennoch sprechen die Indizien für Gervasisus als geistigen Vater der Karte:
Er war durch die Otia imperialia nachweislich mit dem auf der Karte betonten Welfenhaus verbunden, er war ein weitgereister Mönch und verfügte über weitreichende Kenntnisse in der Bistumsgeographie und Landesgeschichte, um die Karte deligieren zu können. Die Übereinstimmung von Gervasius von Tilbury und dem Ebstorfer Probst, so Wolf in seinem Plädoyer, könne schließlich erklären, "warum ein so bedeutendes Werk wie unsere Weltkarte ausgerechnet dem Kloster Ebstorf gehörte" (Wolf 1988, S. 103).
Zeichnerinnen der 356 x 358 Zentimeter großen Weltkarte, so sie denn in Ebstorf angefertigt worden ist, könnten Nonne des Frauenkonvents gewesen sein.
WANN... ist die Karte entstanden? |
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Da auf der Ebstorfer Weltkarte nicht der Entstehungszeitraum angegeben ist und auch moderne technische Untersuchungen des Materials nicht mehr möglich sind, weil das Original im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, ist man auf die Untersuchungen von Kunstkritikern, Paläographen, Linguisten, Geographen und Historikern angewiesen. Stärker noch als bei der Suche nach Autor und Entstehungsort schwanken die Schätzungen über den Entstehungszeitraum der Karte in einem Zeitraum von 100 Jahren.
Datierung Erste Hälfte des 13. Jahrhunderts
Vertreter dieser Theorie stellen politischen Aussagen der Karte in den Mittelpunkt. Den pro-welfische Tenor der Ebstorfer Karte sehen sie als Verbindungen zu dem exakt datierten ebenfalls pro-welfischen Werk Otia Imperii (1214/15) des Gervasius von Tilbury. Paläographischen Untersuchungen, wie die der Wolfenbüttler xxx Sabine Effertz, haben diese These weiter gestüzt. Die deutlichen Übergänge vom romanischen zum gotischen Schrifttyp ließen ihrer Meinung nach "die Entstehung der Ebstorfer Weltkarte in der ersten Hälfte des 13. Jahrunderts wahrscheinlich und nach 1275 immer unwahrscheinlicher erscheinen lassen" (Sabine Effertz 1988, S.386). insgesamt zu machen.
Datierung um 1300
Vertreter der jüngeren Datierung berufen sich zumeist auf die wirtschaftliche Ausgangslage der Entstehungsregion Lüneburg-Ebstorf, das erst im 14. Jahrhundert, im Zuge des Aufstiegs des Salzhandels, über die nötigen finanziellen Voraussetzungen verfügt haben dürfte, um eine derart prächtige Karte wie die rund 12 Quadratmeter große Mappae Mundi zu schaffen. Horst Appuhn, der von einer Entstehung der Karte in Ebstorf "um 1300" (Horst Appuhn 1988, S. 250) ausgeht, begründet seine Vermutung damit, daß auch andere beträchliche Ausgaben, beispielsweise für ein neues Chorgestühl (1292), den Marienaltar (1296) und eine Bronzetaufe (1310) in diese Zeit fallen.
Ebstorfer Karte als Kopie
Eine dritte Richtung wiederum, die unter anderem von der Münchener Kunsthistorikerin Renate Kroos eingenommen wird, ordnet die Idee der Karte der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu, identifiziert aber anhand einiger stilistischer Eigenarten das überlieferte Material als "eine um mehrere Jahrzehnte spätere Replik" (Renate Kroos: 1988, S. 244). Generell ist bei der Datierung von Abbildungen und Schriften zu beachten, daß der Hang zu monomumentaler Schriftform im Mittelalter, "Karten tatsächlich viel jünger [erscheinen läßt], als man auf den ersten Blick meint" (von den Brincken, Kartographische Quellen, Welt-, See- und Regionalkarten, Brepols 1988, S. 60f.). Da Karten auch immer Arbeitsmaterial waren, das bei Bedarf ergänzt und aufgefrischt werden mußte, ist es problematisch, von einzelnen "neueren" Darstellungen Abstriche beim Alter der Karte.
In der Forschung gilt heute Entstehungszeitraum um 1240 als weitestgehend gesichert. Vertreter hierfür sind unter anderen die Historiker Anna-Dorothee von den Brincken und Armin Wolf.
WELCHEM... Zweck sie diente |
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Die Ebstorfer Weltkarte wird, wie andere Mappae Mundi im Mittelalter, in erster Linie als Lehrmittel im Kloster gedient haben. Für den geistlichen und weltlichen Unterricht wurde sie dabei auf dem Fußboden ausgerollt, wo die Heilsgeschichte und Epochen der Weltgeschichte anschaulich vermittelt werden konnten. Zum Aufhängen war weder das aus 30 Pergamentblättern zusammengeheftete Material noch das Format der Karte geeignet (Horst Appuhn: 1991 S. 256f.).
Neben der Größe spricht die kostbare Ausführung der Karte dafür, daß sie neben ihrer Aufgabe als Lehrmittel auch "als Kunstwerk und Schmuck" (von den Brincken, S. ) im Kloster diente. Vielleicht wurde die Karte sogar ausgestellt, um den Pilgern Gottes Vielfalt und Schönheit nahezubringen.
Als einen weiteren Zweck hat Armin Wolf noch die politische Aussagekraft der Ebstorfer Weltkarte in die Debatte eingebracht. Das Wappentier der Welfen, der Löwe, hat er neben der Stadtmauer von Braunschweig auch auf den in der Karte eingezeichneten Stadtmauern Roms gefunden. Bezeichnenderweise ist also in Rom, der Krönungsstadt für den Kaiser, nicht die Wölfin sondern das welfische Wappen eingezeichnet. Wenn Armin Wolfs zeitliche Einordnung der Karte um 1240 zutrifft, muß dieses Detail als Angriff auf die (bis 1254) regierenden Staufer und als Werbung für Herzog Otto von Braunscheig-Lüneburg als neuen König und Kaiser interpretiert werden. In diesem Fall würde die Ebstorfer Weltkarte auch den Zweck eines politisches Propagandamittel erfüllen.